Kreativität in der Krise: Setzt die Krise besondere Kräfte frei? – Fünf Hypothesen

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Die Welt erlebt gerade eine Welle an schöpferischem Wandel von noch unbekanntem Ausmaß. Die Coronakrise legt die Anfälligkeit etablierter Prozesse und Strukturen schonungslos offen; sie treibt aber auch Veränderungen in ungeahntem Ausmaß mit atemberaubender Geschwindigkeit. In Zeiten wegbrechender Märkte, Instabilität der Wertschöpfungsketten und drohenden Liquiditätsengpässen sind Fähigkeiten zur Neuerfindung und Selbsterneuerung zwingend notwendig, um kreative und innovative Ideen zur Fortführung oder sogar Neuausrichtung des Geschäfts in dieser besonderen Krise zur ermöglichen.

Die im Folgenden genannten Beispiele und Belege haben keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern dienen lediglich der Illustration des immensen Kreativitätspotenzials, das wir in den vergangenen Monaten beobachtet haben.

Herausforderungen auf allen Ebenen

Die Auswirkungen der Corona Krise sind omnipräsent: In einigen Branchen bricht die Nachfrage zusammen, in anderen „explodiert“ sie. Tätigkeiten und Funktionen müssen – wenn möglich – kurzfristig an neue Bedarfe ausgerichtet werden. Gleiches gilt für Lieferketten, gerade mit globaler Reichweite, die z.B. durch Grenzschließungen sprichwörtlich durchtrennt worden sind. Etablierte Partnerschaften werden auf eine harte Probe gestellt. Mitarbeiter können aufgrund des Lock-Downs entweder nicht mehr ihren Aufgaben nachkommen oder sehen sich mit einer Vielzahl neuer Aufgaben konfrontiert, die bisher nicht zur originären Rolle gehörten. In allen Fällen steht auch das Management vor neuen Anforderungen. Ein „Führen aus der Ferne“ erfordert andere Hard- und Soft-Skills und möglicherweise einen intensiveren – wenn auch online dominierten – Kontakt mit den zugeordneten Führungskräften und Mitarbeitern. Der Stellenwert von Liquidität wird für alle Unternehmensbereiche spürbar, und jeder hat seinen Beitrag zu leisten. Kaum ein Unternehmen hat Liquiditätspuffer aufgebaut, die auch nach drei Monaten noch Sicherheit für die kommenden Monate suggerieren. Wie also umgehen mit Herausforderungen auf allen Ebenen?

Hypothese 1: Die Krise eröffnet neue Wege!

Von Kreativität wird dann gesprochen, wenn neue Ideen oder Lösungen entwickelt oder bestehende Lösungen auf neue Weise angewendet werden. Kreativität ist also im Kern eine schöpferische Fähigkeit.

Schöpfung bedeutet immer das Brechen mit Vertrautem und das Einschlagen neuer Pfade. Innerhalb von vier bis sechs Wochen hat sich in Deutschland ein komplettes Corona-Ökosystem etabliert:

  • Textil: Aus T-Shirts werden Schutzmasken
  • Chemie/Beauty: Aus Farben werden Desinfektionsmittel
  • Transport: Taxen transportieren keine Menschen, sondern Waren
  • Hotellerie: Aus Hotelzimmern werden flexible Homeoffice-Areas
  • Messebau: Aus Messeständen werden Plexiglasschutzvorrichtungen für Industrie und Gewerbe

Gepaart mit smarten Marketingkampagnen der jeweiligen Unternehmen entsteht in kürzester Zeit ein Image à la „Wir sind da, wenn Ihr uns braucht“, das weit über die Zeit nach der Coronakrise fortbestehen wird.

Bei den genannten Beispielen geht es um weit mehr als „Not macht erfinderisch“. Es zeigt eine grundsätzliche Offenheit für neue Herausforderungen, z.B. neue, vorher nicht bekannte Bedarfe am Markt und deren konstruktive Bewältigung.

Hypothese 2: Corona mobilisiert alle Unternehmensbereiche!

Kreativität bzw. Innovation zeigt oftmals in der Entwicklung neuartiger Produkte (Produktinnovationen) und Dienstleistungen. Dem Unternehmensbereich Forschung und Entwicklung (F&E) kommt hierbei die Rolle der Kreativzentrale zu.

Gerade in Krisenzeiten wird jedoch deutlich, dass gute Endprodukte für den Kunden allein kein Garant für wirtschaftlichen Erfolg darstellen. Bestehende Produkt(-lösungen) und Dienstleistungen müssen weitergedacht und kreativ ausgestaltet werden. Dabei darf die Kreativität nicht auf F&E begrenzt bleiben, sondern muss Einzug in alle Funktionsbereiche finden. Die gesamte Wertschöpfungskette wird somit zum Gegenstand kreativer Überlegungen.

Ein Blick hinter die Kulissen, z.B. von HR, zeigt den Erfindergeist der Personaler:

  • Recruiting und Onboarding: Trotz oder gerade in der Krise kommt es auf die Sicherung kritischer Ressourcen an. Virtuelle Prozesse ermöglichen hier ein „Globales Recruitment“.
  • Vergütung: Etablierte Entgeltmodelle stehen auf dem Prüfstand. Neue Gehaltsbestandteile und Zielgrößen werden entwickelt, verhandelt und umgesetzt.
  • Personalentwicklung: Die Corona Krise wird zum (informellen) Führungskräfte-Assessment.
  • Organisationsentwicklung: HR erhebt virtuelle Stimmungsbilder und schult Führungskräfte
  • Arbeitsmethoden: Homeoffice Lösungen oder flexibles arbeiten werden salonfähig.

Kreativität darf kein Attribut sein, das einigen wenigen Bereichen vorbehalten ist. Kreativität ist eine gesamtunternehmerische Eigenschaft. Business Acumen ist wichtiger denn je, und jeder Unternehmensbereich muss aus seiner Perspektive Lösungen für die Weiterentwicklung des Unternehmens zur Existenzsicherung schaffen.

Hypothese 3: Corona fördert Zusammenarbeit, auch über Unternehmensgrenzen hinweg!

Unsicherheit zeichnet sich dadurch aus, dass etablierte und funktionierende Lösungsroutinen fehlen.
Komplexe Fragen, wie sie die Corona Krise hervorruft, erlauben in den seltensten Fällen Lösungen, die in Silos bearbeitet werden.

  • Interne Zusammenarbeit:
    • Crossfunktionale Krisenstäbe bilden; erst die Vielfalt an Sichtweisen ermöglicht ein umfassendes Problem- und Lösungsverständnis.
    • Cross-funktionale Problemlösungsgemeinschaften entwickeln integrierte, ganzheitliche Lösungen und fördern gegenseitiges Verständnis.
  • Partnerschaften außerhalb des Unternehmens werden aktuell vielerorts neu bewertet:
    • In der Krise zeigt sich, auf wen Verlass ist und mit welchen (neuen und alten) Partnern nach der Corona Krise (weiter) zusammengearbeitet werden kann.
    • Mitarbeiter unterstützen temporär in anderen Unternehmen.
    • Warenbestände werden zwischen Unternehmen geteilt.

Gegenseitiges Verständnis bildet die Basis für partnerschaftliche Lösungen. Überleben in der Krise kann nur gelingen, wenn die richtigen Ressourcenpartnerschaften – sowohl personell als auch finanziell – zur richtigen Zeit am richtigen Ort gebildet werden.

Hypothese 4: Corona ist ein Umsetzungsbeschleuniger!

Neben einer neuen Idee oder Lösung gehört auch die richtige Umsetzung – in zeitlicher Hinsicht zum Beispiel eine kurze Time-to-Market – zum Wesen der Kreativität. Kreativität lässt sich als Produkt aus Lösungs- und Umsetzungskompetenz für neuartige Probleme begreifen. Gerade die Themen Organisation und Governance zwingen die Unternehmen während der Krise zu einer Erhöhung der Umsetzungsgeschwindigkeit:

  • Direkte Kommunikation zur Beschaffung relevanter Informationen
  • Kürzere Entscheidungszyklen, z.B. tägliche anstatt wöchentlicher virtueller Sitzungen
  • Dezentrale Entscheidungen vor Ort anstatt universal gültiger Zentralentscheidungen
  • Situationsbedinge Anpassung zur Einhaltung von internen Richtlinien und Vorgaben
  • Flexiblere Arbeitszeiten und Entgeltmodelle

Die organisatorischen Prinzipien Zentralisierung und Dezentralisierung sind in Corona Zeiten keine Widersprüche, sondern finden gleichzeitig und parallel Einzug in die Organisationsstruktur. Es geht darum, die richtige Balance zu finden. Inwiefern Corona ein Überdenken von Konzernsicherheit, Datenschutz, Compliance und anderen Regularien anstoßen wird, bleibt abzuwarten.

Hypothese 5: Corona zeigt, dass Kreativität kein Zufall ist!

Kreative Problemlösungen werden häufig auf intuitive, chaotische Prozesse oder spontane Eingebungen zurückgeführt. Dieser Schlussfolgerung ist jedoch nur in Teilen zuzustimmen. Kreativität ist keineswegs ein rein intuitives Phänomen oder Zufallsprodukt und ist meist mit harter (geistiger) Arbeit verbunden.

  • Kreativität war für Menschen seit Anbeginn der Geschichte der Menschen überlebensnotwendig, besonders in Extremsituationen.
  • Jeder Mensch verfügt unbewusst über bestimmte Sichtweisen auf Probleme („Fixierungen“). Diese Fixierungen können durch „Impulse von außen“ aufgehoben werden.
  • Die eigentliche kreative Auseinandersetzung mit dem Problem erfolgt durch Anwendung von Kreativitätstechniken (Heuristiken), die zwei wesentliche Eigenschaften aufweisen:
    • Heuristiken können keinen Lösungserfolg garantieren, steigern aber die Lösungswahrscheinlichkeit.
    • Heuristiken stützen sich auf kreativitätsförderliche Denkprinzipien, wie z.B. Kombination und Dekomposition, was in Krisenzeiten durch den Mangel erprobter Erfolgsmodelle vermehrt genutzt wird.

Insofern bietet eine Krise immer auch Chancen, wenn bewusst auf diese Methodiken zurückgegriffen wird, um dem „Glück“ auf die Sprünge helfen.

Was bleibt nach der Krise?

Die Kernfrage lautet, inwiefern es uns gelingt, Erfolgsthemen und -hindernisse zur Krisenbewältigung zu identifizieren, die sich positiv auf die Fähigkeit zur Selbsterneuerung auswirken. Diese gilt es für die Post-Corona-Zeit im Unternehmen zu institutionalisieren. Auf die Aktivierung und Steuerung derartiger Selbsterneuerungskräfte kann das Management durch eine entsprechende Gestaltung von Zielen, Plänen, Organisation und Ressourcen gezielt Einfluss nehmen. Insgesamt bleibt zu hoffen, dass vieles von dem, was wir gelernt und verändert haben, auch in Zukunft Bestand haben wird. So sind wir alle für die nächste Krise gut vorbereitet.

Sprechen Sie uns gerne an und profitieren Sie von unserer langjährigen Erfahrung. Weitere Informationen:

Büro Frankfurt
Annette Putzer
Fon 0151 – 521 91 897
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